Der Mensch und seine Farben 

Eine Einführung in die Farb-Analyse 
 

Goethes Farbkreis

Die Farb-Theorie von Johannes Itten 

Bei dem Thema „Der Mensch und seine Farben“ geht es zunächst einmal nicht um Geschmack, auch nicht um Mode. Vielmehr handelt es sich um ein naturwissenschaftlich exaktes, objektiv beobachtbares Phänomen, nämlich: die Wirkung von Farben in unterschiedlicher Umgebung. 

Der Schweizer Maler Johannes Itten (1888 - 1967) arbeitete in den 20er Jahren als Kunstlehrer am Bauhaus in Weimar. 1926 gründete er in Berlin eine moderne Kunstschule. Itten beschäftigte sich speziell mit zwei Wirkungen, die Farben in unterschiedlicher Umgebung auslösen: 

1. Der Hell-Dunkel-Kontrast 

Eine Farbe auf einem zu ihr im Kontrast stehenden Hintergrund wirkt leuchtender als eine Farbe auf einem ihr im Ton ähnlichen Hintergrund. 

    

Sie sehen sofort, dass das Weiß auf der schwarzen Fläche heller und brillanter wirkt als auf dem grauen Untergrund.

2. Der Simultan-Kontrast 

Der Farbkontrast, der nun darüber entscheidet, ob uns bestimmte Farben „gut zu Gesicht“ stehen oder nicht, ist der Simultan-Kontrast.

Blickt das Auge längere Zeit auf eine farbige Fläche, so entsteht im Auge des Betrachters (simultan = gleichzeitig) die dazugehörige Komplementär-Farbe, also die Farbe, die der gesehenen Farbe im Farbkreis direkt gegenüberliegt.

Sie können es selbst ausprobieren: schauen Sie längere Zeit auf eine rote Fläche. Dann schließen Sie die Augen. Und was bemerken Sie? Vor ihrem „inneren“ Auge erscheint die Farbe grün, also die Komplementärfarbe.

    

Legen wir nun eine farbige Fläche auf einen neutral grauen Untergrund, so wird dieser Untergrund nach einiger Zeit wie mit einem Schleier in der Komplementärfarbe zu der daraufgelegten Fläche überzogen.

Legen wir z.B. einen orangeroten Karton auf einen grauen Karton, so entwickelt sich - zunächst an der Rändern der orangefarbenen Fläche - ein bläulicher Farbschimmer, der nach und nach den gesamten grauen Karton ganz leicht bläulich erscheinen lässt.

Dieser Effekt tritt nur dann nicht auf, wenn der Untergrund bereits in der Farbe des daraufgelegten Kartons eingefärbt ist. Handelt es sich um einen leicht ins Ockerfarbene gehenden Karton, so tritt bei daraufgelegtem Orange der Simultankontrast nicht auf.

Der Effekt wird jedoch verstärkt, wenn der Untergrund bereits in der Komplementär-Farbe eingefärbt ist. Handelt es sich in unserem Beispiel um einen leicht ins Bläuliche gehenden Karton, so wirkt dieser bläuliche Karton nach dem Darauflegen einer orangefarbenen Fläche noch blauer.

Komplementärfarben (Simultan-Kontrast):

rot 

 

grün 

orange 

 

blau 

gelb 

 

violett 

Gesichtsfarbe und Farbe unserer Bekleidung 

Das oben beschriebene naturwissenschaftliche Phänomen hat große Bedeutung für die Farb-Wirkung unserer Bekleidung. Die Frage lautet: Wie wirkt unsere Gesichtsfarbe bei unterschiedlichen Farben unserer Bekleidung? Erfreulicherweise ist unsere Gesichtsfarbe nicht grau! Aber: Sie lässt sich als ein verhältnismäßig farbneutraler Untergrund beschreiben, auf dem Bekleidungs-Farben einen entsprechenden Effekt erzielen.

Unsere Hautfarbe wird durch folgende - individuell genetisch festgelegte - Faktoren bestimmt: Das Hämoglobin (der rote Blutfarbstoff), die Blaufärbung des venösen Blutes, das Melanin (die Pigmentierung der Haut) und das orange-bräunliche Karotin.

Je nach Mischung dieser Faktoren bekommt unsere Hautfarbe entweder einen ins Goldene gehenden oder einen ins Bläuliche gehenden Unterton.

Wenden wir nun die Erkenntnisse über den Simultan-Kontrast an, so können wir folgende Entdeckung machen:

Kühle und warme Farben 

Der Farbkreis lässt sich durch eine Linie unterteilen, die von oben nach unten durch das Rot und das Grün hindurch läuft.  

Auf der einen Seite stehen die kühlen Farben:         Bläuliches Rot 

                                                                                           Violett 

                                                                                           Blau 

                                                                                           Bläuliches Grün 

Auf der anderen Seite stehen die warmen Farben Gelbstichiges Rot 

                                                                                           Orange 

                                                                                           Gelb 

                                                                                           Gelbstichiges Grün 

Bei differenzierterer Betrachtung lassen sich noch feinere Unterschiede feststellen. Beinahe sämtliche Farben des Farbkreises gibt es in wärmeren und kühleren Varianten.  

Das Sonnengelb ist z.B. deutlich „warm“,
während ein Zitronengelb eher „kalt“ ist.
Veilchenblau ist „warm“, Preußischblau hingegen „kalt“.
Einzige Ausnahme: Es gibt kein „kaltes“ Orange. 

Wie entsteht Farb-Harmonie? 

Durch eine Fein-Analyse (mit Hilfe des systematischen Einsatzes von Farbtüchern zur Ermittlung eines eventuell vorhandenen Simultankontrasts) lässt sich nun feststellen, wie genau der Haut-Unterton eines Menschen beschaffen ist. Nach einer solchen Analyse lässt sich bestimmen, welche Farben ihm besonders gut „zu Gesicht stehen“. Und das sind nur die Farben, die mit dem Unterton der Haut harmonieren. 

Wird eine Farbe „zu Gesicht getragen“, 
die der Tendenz der Hautfarbe entspricht,
also eine warme Farbe zu einem goldenen Haut-Unterton
oder eine kühle Farbe zu einem bläulichen Haut-Unterton,
so entsteht Harmonie! 

Es hat sich als praktisch erwiesen, die unterschiedlichen Gesichtsfarben in vier Gruppen zu unterteilen. Wir benennen die Hautfarben nach den Jahreszeiten. Die Jahreszeiten symbolisieren jeweils eine Farbpalette, die zu der Hautfarbe dieser Personen besonders gut passt. 

Durch die „richtigen“ Farben wirkt die Haut frischer und gesünder.
Die Persönlichkeit und Ausstrahlung der Person 
kommen durch diese Farben besonders gut zur Geltung.
Die Farben wirken nicht „aufgesetzt“, 
sondern ordnen sich der Persönlichkeit unter. 

Die subjektiven Farbklänge

Faszinierend ist, dass kleine Kinder sich meist zu der Farbpalette hingezogen fühlen, die tatsächlich ihrem „Jahreszeiten“-Typ entspricht. Durch kulturelle Einflüsse wie Modetrends, Erziehung, Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen, wird dieser spontan „richtige“ Zugang zu unseren Farben jedoch oft verstellt.

1929 machte Johannes Itten in seiner Berliner Kunstschule eine folgenreiche Entdeckung: Im Harmonielehre-Unterricht einer Malklasse für Fortgeschrittene entdeckte er das Phänomen der „Subjektiven Farbklänge“: Seine vorgegebenen Harmonie-Klänge lehnten die Schüler ab. Itten ließ sie gewähren und während seiner Abwesenheit ihre eigenen Farb-Harmonien zu Papier bringen. Die Schüler legten ihre Ergebnisse auf den Boden, und Itten stellte, als er wieder in die Klasse hereinkam, zu seiner Überraschung fest, dass er die Blätter sofort den jeweiligen Kunst-Studenten zuordnen konnte. Was so frappierend ins Auge stach, war die Übereinstimmung zwischen dem Äußeren der Studenten und den gemalten Farb-Harmonien. Erfreulicherweise sind sowohl die gemalten Farb-Harmonien als auch die Photos der Studenten erhalten geblieben. In Ittens Buch „Kunst der Farbe“ (siehe unten) kann sich jedermann noch heute von diesem Zusammenhang überzeugen.

Anfang der sechziger Jahre wurde Ittens erstaunliche Entdeckung in Kalifornien wieder aufgegriffen. An der dortigen „Fashion Academy“ wurden Ittens Erkenntnisse weiterentwickelt und für das Mode-Design fruchtbar gemacht.

©  Burkhard Treude 2002

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Johannes Itten: Kunst der Farbe.
Subjektives Erleben und objektives Erkennen als Wege zur Kunst.
Gebunden, Großformat, 158 Seiten, € 120,00
URANIA VERLAG, Stuttgart 1991, ISBN 3363009801


http://www.b-treude.de